Wer sich in der Schweiz mit Risikoabschätzung befasst

Ist die Schweiz besonders risikobewusst oder besonders risikoavers? Fakt ist jedenfalls, dass sich in unserem Land erstaunlich viele kompetente Stellen mit Risiko beschäftigen, so zum Beispiel:

 

Die Stiftung Risiko-Dialog wurde 1989 nach den Grossunfällen Tschernobyl und Schweizerhalle gegründet. Damals wurde deutlich, dass herkömmliche Risikoanalysen allein nicht ausreichen, um bei neuen Technologien gesellschaftlich akzeptierte Wege zu beschreiten. Gefragt ist stattdessen eine moderierte Auseinandersetzung, die dem Spannungsfeld Rechnung trägt, das im Begriff «Risiko» angelegt ist: Dass er gleichzeitig und von unterschiedlichen Akteuren als Chance und Gefahr wahrgenommen wird, bedeutet auch, dass auf beiden Seiten objektive Daten genauso ihren Platz einnehmen wie emotionale Reaktionen. Die Stiftung Risiko-Dialog entwickelt Lösungen, um technologische Neuerungen, Veränderungen in der Umwelt und gesellschaftlichen Wandel zu verstehen und gemeinsam zu gestalten. Eines ihrer drei Themenfelder befasst sich mit der Digitalisierung. Sie publiziert insbesondere den Digitalbarometer, der die Wahrnehmung der digitalen Wende aus Sicht der Schweizer Bevölkerung wiedergibt.

Die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-SWISS) hat das im Schweizerischen Forschungsgesetz verankerte Mandat, sich mit «wünschbaren technologischen Zukünften» auseinanderzusetzen. Mithilfe von Expertenstudien und Mitwirkungsverfahren schätzt sie die Folgen des Einsatzes neuer Technologien ab. Sie nimmt insbesondere gesellschaftlich kontroverse Technologieentwicklungen unter die Lupe und liefert dem Parlament, dem Bundesrat, aber auch der breiten Öffentlichkeit, ausgewogene Wissensgrundlagen, um Chancen und Risiken umfassend abwägen zu können. Die IKT sind ein Schwerpunkt von TA-SWISS. Die Stiftung hat in diesem Bereich u.a. Studien zu den zivilen Drohnen, der künstlichen Intelligenz und der Blockchain publiziert.
Alle zwei Jahre veröffentlicht die Schweizerische Akademie der technischen Wissenschaften (SATW) ihren Technology Outlook, einen Früherkennungsbericht, der neue, möglicherweise disruptive Technologien vorstellt und ihre Bedeutung für die Schweizer Wirtschaft bewertet.

Als unabhängige und wissenschaftsbasierte Denkfabrik befasst sich der International Risk Governance Council (IRGC) mit dem Thema Risikomanagement. Gegründet wurde der IRGC 2003 auf Initiative des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation. Seinen Sitz hat das interdisziplinäre Studienzentrum seit 2012 an der EPFL in Lausanne. Der IRGC stellt Entscheidungsträgern, insbesondere Gesetzgebern oder Unternehmen, Informationen zur Verfügung, um potentielle Risiken zu antizipieren und deren Folgen zu verstehen. Zu den Forschungsschwerpunkten des IRGC gehört die Digitalisierung.

Einen jährlichen Risikobericht veröffentlicht auch das Weltwirtschaftsforum (WEF). Es versteht ihn als seine Art Leitfaden für die jeweils aktuellen zentralen Fragen, benennt globale Herausforderungen und entwirft mögliche Szenarien. Als grösste Risiken führt der Bericht von 2019 Klimawandel, Datenkriminalität, geopolitische Krisen und weltwirtschaftliche Spannungen an: «Dies ist ein Zeitalter beispielloser Möglichkeiten und technologischen Fortschritts, aber für zu viele Menschen ist dies auch ein Zeitalter der Unsicherheit», hält das WEF fest.

In seinem jährlich publizierten Sonar-Bericht untersucht das Swiss Re Institute neue und schwelende «Emerging Risks». Für 2019 sind diese grösstenteils im digitalen Bereich angesiedelt: Beispielsweise das Aufeinandertreffen neuer digitaler Technologien mit alter Hardware. Oder bei den kritischen Infrastrukturen die neue Mobilfunkgeneration 5G, bei der sich neue Fragen zu Cyberrisiken und Datenschutz stellen und in der Bevölkerung wachsende Bedenken hinsichtlich gesundheitlicher Auswirkungen bestehen. Der Bericht soll Versicherungsunternehmen im Bereich der Lebens- und Nicht-Lebensversicherung sowie der Vermögensverwaltung dabei helfen, sich auf neue Szenarien einzustellen und ihre Vorgehensweisen, ihr Marktverhalten und ihre Produktportefeuilles entsprechend anzupassen.