Das Mobilit├Ąts-Orakel und die sieben Prognosen der Zukunft

 

Von Mark Ritzmann


Jahrelang hat uns Erika Bertschinger, alias Uriella, mit apokalyptischen Prophezeiungen köstlich unterhalten. Mike Shiva, leider ebenfalls verstorben, Volksorakel und wohl letzter Stirnbandträger der Neuzeit, machte als «National-Orakel» Karriere. Beide Persönlichkeiten werden heute schmerzlich vermisst. Sie dienten hervorragend als Vorlage für Parodien (Victor Giacobbo als Uriella und Mike Müller als Mike Shiva), Fasnacht-Verkleidungen und Schnitzelbank-Sprüche.

Natürlich masse ich mir nicht an, den Platz des «Schweizer National-Orakels» einzunehmen oder in wallend-weissen Gewändern den nächsten anstehenden Weltuntergang zu proklamieren.  Trotzdem wage ich einen Blick in die Zukunft der Mobilität und prognostiziere sieben massive Veränderungen, die uns in nicht allzu ferner Zukunft erwarten. Diese Erkenntnisse sind mir auch nicht beim Kartenlegen, Kaffeesatzlesen oder Meditieren in «hellsehender Tiefentrance» gekommen. Es ist vielmehr die Quintessenz aus einer Vielzahl von Gesprächen mit Mobilitäts-Akteuren sowie Profis und anerkannten Experten aus der gesamten Mobilitätswelt.

Die Mobilität ist einer jener Lebensbereiche, welche sich in den nächsten Jahren massiv verändern werden. In der näheren Zukunft werden wir zwar immer noch Bus, Zug und Auto fahren, aber trotzdem wird vieles radikal anders: 

EINS

Der fossilbetriebene Verbrennungs-Motor wird abgelöst durch batterieelektrische oder Brennstoffzellen-Systeme. Die meisten Hersteller haben die vollständige Umstellung der Produktpaletten bereits ab 2030 angekündigt. 

ZWEI

Beim Fahrzeugbesitz zeichnet sich bereits jetzt eine Änderung ab. Abo-Modelle werden im Autohandel immer wichtiger. Wir besitzen nicht mehr, was wir fahren. 

DREI

Die individuelle Mobilität wird teurer. Nur über eine Preissteigerung im Sinne von Road Pricing oder ähnlichen Modellen für mehr Kostenwahrheit in der Mobilität kann das steigende Verkehrsaufkommen gesteuert werden. Wir bezahlen, was wir fahren und nicht mehr, was wir besitzen. 

VIER

Die Innenstädte werden autofrei. Mit verkehrsbefreiten Begegnungszonen werden die Stadtzentren aufgewertet. Das Auto verschwindet mehrheitlich aus dem Stadtbild. Die neu aus Strassen und Parkräumen gewonnenen Flächen werden zu Spielplätzen, Restaurant-Terrassen, Eventräumen für Veranstaltungen und Grünflächen für ein besseres Stadtklima. Ein Musterbeispiel hierfür findet sich in Wien. 

FÜNF

Was in den Städten bereits Realität ist, wird auch in der Agglomeration Einzug halten. Zunehmend wird nicht nur ein Verkehrsmittel, meistens das eigene Auto, sondern das jeweils genau passende Verkehrsmittel gewählt. Das kann der Bus sein, der Zug, ein E-Bike oder ein Car-Sharing-Fahrzeug. Immer mehr nimmt der Konsument ganz spezifische Angebote wahr, die genau seinen aktuellen Bedürfnissen entsprechen. Wir bewegen uns im urbanen und suburbanen Raum multimodal. 

SECHS

Die oben erwähnte Multimodalität benötigt einen zentralen Baustein: Die «All-in-One-Verkehrsapp». Es werden sich Applikationen durchsetzen, welchen den Zugang zu allen verfügbaren Verkehrsmitteln ermöglichen. Eines der wichtigsten Projekte in diesem Bereich verfolgt die Genossenschaft openmobility, welche die technischen Voraussetzungen und übergreifende Standards dafür schafft. Alle namhaften Akteure im Schweizer Verkehr beteiligen sich an diesem Projekt. 

Die Schwierigkeit bei allen Prophezeiungen, ob mit Tarot-Karten-Legen, Kaffeesatzlesen oder Sternegucken, ist ihre Erfüllung. Ohne den Mut und den Willen einer Vielzahl von Menschen, wird sich diese fantastische Zukunft der Mobilität nicht verwirklichen lassen. Ob Politikerinnen und Politiker, Unternehmerinnen und Unternehmen oder Kunden: Alle müssen an die Vision glauben und gemeinsam daran arbeiten. 

Mike Shiva, Elisabeth Teissier oder Uriella brauchen wir nicht. Wir brauchen auch keine Visionäre wie Elon Musk oder Steve Jobs. Was wir brauchen, ist allein der Mut und der Wille die bestehenden Pfade zu verlassen und uns auf neue Möglichkeiten einzulassen. Es braucht die Unternehmen, die bereit sind, ihre bestehenden Geschäftsmodelle in diese Richtung anzupassen. Es braucht Kundinnen und Kunden, die auf ihr (Zweit-)Auto verzichten und auf neue Verkehrsmodelle umsteigen. Und es braucht die Gemeindepräsidentin, die ein Mobilitätsangebot wie Sponti-Car in ihrem Dorf lanciert. Es braucht uns alle! 
 

Post Scriptum: SIEBEN

Der aufmerksamen Leserin und dem aufmerksamen Leser ist bestimmt nicht entgangen, dass oben sieben Prophezeiungen angekündigt, aber nur sechs aufgeführt sind. Wie bei jedem richtigen Orakel darf auch bei mir das Apokalyptische nicht fehlen. Mir ist bewusst das ich mit dieser Aussage einige meiner Kolleginnen und Kollegen vor den Kopf stossen werde. Als Direktbetroffener, aufgewachsen in einem Garagen-Familienbetrieb, erlaube ich es mir aber trotzdem.

Die hier beschriebene Vision der Mobilität von morgen, mag sie gesellschaftlich und ökologisch auch noch so wichtig und richtig sein, hat verherende Auswirkungen auf das Automobilgewerbe. Dieses steht vor einem nie dagewesenen Umbruch. Von einer Apokalypse zu sprechen, ist nicht übertrieben: Die meisten Autogaragen, Spengler und Lackierer oder Ersatzteilzulieferer verlieren ihre geschäftliche Grundlage. Eine grosse Anzahl an Automechanikern, Spenglern, Auto- und Ersatzteilverkäufern werden Ihren Job einbüssen.

Das Auto der Zukunft wird nicht mehr über den jetzigen Handel zum Kunden finden. Neue Besitzmodelle wie Abos oder Car-Sharing und der Direktvertrieb durch den Importeur verändern die Kundenbeziehung radikal. Die neuen Antriebskonzepte verursachen nur noch einen Bruchteil der Servicekosten der aktuellen Verbrennungsmotoren. Allen Firmen, die heute Geld mit Servicearbeiten an Personenwagen verdienen, steht eine düstere Zukunft bevor. Das Autogewerbe, wie es heute noch in jeder Dorfgarage gelebt wird, wird es mittelfristig sehr schwer haben. Für einen grossen Teil dieser Firmen ist die Mobilität der Zukunft zweifellos das Ende einer Ära.

Doch es ist auch der Beginn einer neuen: Der letzte einschneidende Umbruch in der Mobilität fand vor etwa 100 Jahren statt, beim Wechsel von Pferdekutschen auf «Automobile». Aus den damaligen Dorfschmieden entstanden die heutigen Garagisten. Die Geschichte lehrt uns: Solche einschneidenden Veränderungen stellen grosse Herausforderungen dar. Sie können aber auch grosse Chancen sein.

 

Diesen Blogpost hat Mark Ritzmann exklusiv für das asut-Bulletin verfasst. Sie finden ihn, mit vielen weiteren spannenden Überlegungen zur Mobilität von morgen, auch auf seinem  Blog #autogramm.

Mark Ritzmann

Der HSG-Absolvent und Mobility-Experte Mark Ritzmann ist der Gründer und Geschäftsführer der Sponti-Car GmbH, die das Elektorcarsharing in ländliche Gemeinden bringt.