Die Digitalisierung demokratisieren, nicht umgekehrt!

Von Regula Stämpfli, Bestseller-Autorin, Politphilosophin und Podcasterin

Es war im September 2016 als ich die TEDx-Bühne in Bern in Aufregung versetzte mit dem Motto: «Keine Daten ohne politische Repräsentation». Es ging schon damals um die kreative Transformation demokratischer Identität im Zeitalter der digitalen Reproduktion. Ich hatte dies in Analogie zum Revolutionsslogan der Vereinigten Staaten bei ihrer Gründung 1776 formuliert: «Keine Steuern ohne politische Repräsentation» bedeutete die Loslösung vom britischen Kolonialherren. Alles Informationen aus dem Netz:  Das digitale Labyrinth hat eben nicht nur düstere Ecken, sondern beinhaltet auch echte Highlights.

Nun zur Resilienz: Bewaffnet mit einem Labtop und einer Portion gesunder Skepsis, so die gute Botschaft, kann die Kreditpunkte-Herrschaft in der VR China ebenso bekämpft werden wie die Konsumpunkte-Herrschaft im Westen. Dabei sind die öffentlichen Daten DER Schlüssel zur demokratischen Partizipation. Und die Freiheit, frei zu sein, hängt vom Schutz unserer persönlichen Daten ab. Deshalb muss, was in der Verfassung mit «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich» postuliert ist, für den digitalen Raum «Alle Menschen haben das Recht, gleich zu zählen» heissen. Doch das ist noch nicht verwirklicht, denn bis heute zählen einige immer noch mehr als andere.

 

Podiumsdiskussion: Politische und gesellschaftliche Auslegeordnung zu Resilienz am Swiss Telecommunication Summit 2023

No way! Schluss damit! Wir brauchen die freiheitliche Kontrolle über unsere digitalen Identitäten wie die Luft zum Atmen. Und übrigens, Leute: Es gibt in der schweizerischen Bundesverfassung neben dem Recht auf unsere Privatsphäre, das ständig von Tech-Titanen verletzt wird, auch das Recht auf «Schutz vor Willkür»: Also her damit! Google, Facebook, IBM, Microsoft, Tiktok, Twitter, Telegram, Alibaba, Tencent, Apple, Baidum Amazon et al. verkaufen Datenpakete an den Meistbietenden – und dies sind meist Big Business, Diktatoren, Autokraten oder sonstige antidemokratische «Bad-Doers». Warum diese Titanen nicht auf Demokratie verpflichten? Der Kampf gegen Fake News, Trends und Pixeltürme wäre nämlich einfach. Zunächst: Befreien wir die Menschen aus ihren digitalen Korsetten und machen öffentliche Informations-Infrastrukturen so wie es im 19. Jahrhundert mit den Eisenbahnen, Telefon- und Stromnetzen sowie der öffentlichen Wasserversorgung gemacht wurde. Einige DigiNerds schreien dann sogleich enthusiatisch: «Wikipedia». Gute Idee, nur dass auch bei Wikipedia, dieser Datenbibel der Wissenden, eklige Gefahren lauern, wie ich dies bei meinem Eintrag feststellen muss. Ich werde da – mit falschen Namen – eingesperrt in Nullen und Einsen, die mit meinen Leistungen, Preisen, Auszeichnungen und Bestseller-Listen wenig zu tun haben, mir dafür einen Ehemann andichten, den es nicht gibt. Deshalb: Auch Wikipedia muss dringend demokratisiert werden.

Was also tun? Beginnen wir mit der Umkehr der Beweislast. Nicht ich muss Wikipedia beweisen, dass ich sexistisch diskriminiert werde, meine Daten missbraucht und falsch gelistet sind, sondern Wikipedia muss sicherstellen, dass dies nicht passiert. Weiter:  Mit jedem Klick gibt es einen Transferbeitrag für das betreffende Land und die Datendemokratie. Und wenn wir schon beim Franken sind:  Weshalb nicht endlich einen wirklichen Preis für Big Data (CO2, Strom, Suchtpotential, Pakete bei Amazon etc.) berechnen? Ein weiterer radikaler Vorschlag. Wie wäre es denn, wenn wir die Arbeit mit Menschen höher entlöhnen würden als die Arbeit mit Daten? Sie würden staunen, wie schnell wir plötzlich real den Klimawandel bekämpfen, zu Kindern und Alten schauen, und nicht nur theoretischen Laber- und Datenmüll produzieren würden.

«Keine Daten ohne politische Repräsentation» stärkt also die Resilienz der Demokratie im ongoing Datensturm. Vergessen wir nicht: Wir sind hierzulande frei geboren und es geht nicht an, dass wir überall in die Ketten der Hyperlinks gelegt werden.  

 

Regula Stämpfli

Dr.phil. Regula Stämpfli ist Bestsellerautorin, PD HSG St. Gallen «Hannah Arendt Lectures» und Podcasterin. Sie wurde unter den einflussreichsten Schweizer Unternehmerinnen (2016) und den einflussreichtsten Schweizer Intellektuellen (2021) gelistet.