asut-Bulletin
ICT für eine nachhaltige Zukunft
Ausgabe
01/2020
Teil des Problems, grösserer Teil der Lösung

 

 

 

Von Christine D'Anna-Huber

«Streaming ist das neue Fliegen» oder «Das Internet ist der wahre Klimakiller». Schlagzeilen dieser Art sind in letzter Zeit oft zu finden. Schuldzuweisungen gehören zur hitzigen Klimadebatte und regelmässig bekommen auch die ICT ihr Fett weg.

Wie klimaschädlich ist eigentlich die Informatikbranche? Eine 2019 publizierte Studie der französischen Denkfabrik The Shift Project kam zum Schluss, dass die umweltpolitischen Folgen der digitalen Wirtschaft konstant unter­schätzt würden. Schweizer Forscher haben diese Aussage relativiert. Vlad Coroama, Dozent für Informatik und Nachhaltigkeit an der ETH Zürich, hat im Auftrag des «Beobachters» errechnet, dass das Internet für rund 1,5 Prozent des weltweiten Ausstosses von Treibhausgasen verantwortlich ist. Auf das Konto des Fliegens gehen 2 Prozent. Aber lassen sich der hauptsächlich fossile Energien konsumierende Flugverkehr und der Energieverbrauch des Internets, der sich auch aus nachhaltigen Quellen speist, überhaupt vergleichen? Natürlich habe auch der Datenverkehr einen ökologischen Fussabdruck, schreibt Lorenz Hilty, Informatikprofessor und Leiter der Forschungsgruppe Informatik und Nachhaltigkeit der Universität Zürich und der Empa, in einem Kommentar in der NZZ. Dennoch sei die Behauptung, dass Video-Streaming die Umwelt ähnlich stark schädige wie das Fliegen irreführend: «Für einen Emissionsvergleich (der ICT und der Flugbranche) wäre in beiden Fällen neben dem Betrieb auch die Herstellung der benötigten Geräte und Infrastrukturen zu berücksichtigen. Dies geschieht aufseiten des Flugverkehrs jedoch nicht.»

Sicher ist hingegen, dass die Energieersparnis dank zunehmend effizienter werdenden Rechentechnologien den ebenfalls immer weiter steigenden Datenkonsum zurzeit noch nicht wettmachen kann. asut-Präsident Peter Grütter sieht die ICT-Branche deshalb in der Pflicht dafür zu sorgen, dass die Kommunikationstechnologien über ihren ganzen Lebenszyklus hinweg so energiesparend, umweltschonend und strahlungsarm wird wie nur immer möglich werden, wie er in unserem Editorial schreibt. Oder anders gesagt: Die ICT müssen dafür sorgen, selber nicht mehr Teil des Problems zu sein.

Doch das ist nur die eine Seite. Denn in der Digitaltechnik als Querschnitttechnolgie schlummert ein enormes Nachhaltigkeitspotenzial. Bei allen 17 UNO-Nachhaltigkeitszielen kann sie eine wesentliche Rolle spielen und in den verschiedensten Bereichen nachhaltige Innovationen vorantreiben. Sie kann uns dabei helfen, unseren Ressourcenverbrauch besser in den Griff zu bekommen also mit Land und Wasser, mit Boden- aber auch mit Wissensschätzen klüger und effizienter umzugehen. Das Zusammenspiel von Datenerfassung, Vernetzung, künstlicher Intelligenz und Robotik kann Städte lebenswerter, die Landwirtschaft grüner, die Mobilität umweltverträglicher machen. Beispiele aus allen möglichen Bereichen, von der Überwachung von Gletschern und der Rettung indigener Sprachen bis hin zu smarter Logistik und gesunder Ernährung finden sich im Kapitel «Mit Ressourcen nachhaltig umgehen». Und meinen persönlichen Favoriten, den Jätroboter Ava, der mit Solarstrom gepowert und mit Sensoren ausgerüstet völlig autonom über die Felder rollt, Unkraut dank einer Kamera erkennt, zielgenau mit einer Mikrodosis Herbizid traktiert und damit den Einsatz von Sprühmitteln um rund 90 Prozent verringert, können Sie hier bewundern: https://youtu.be/2CVr02qXx3w.

Technik an sich ist weder gut noch böse, weder Nachhaltigkeitschampion noch Klimasünder. Ohne den Willen, sie in den Dienst der Nachhaltigkeit zu stellen, kann die Digitalisierung sogar zum Brandbeschleuniger werden und unsere bedrohten Lebensgrundlagen weiter schwächen. Dies der Befund des Expertengremiums, das die deutsche Bundesregierung berät. Marcel J. Dorsch, Mitautor des Gutachtens, erklärt im Interview, was Gesellschaft, Politik und Wirtschaft dazu beitragen müssen, damit eine nachhaltige digitale Zukunft gelingt. Dass sie gelingen wird, davon ist die grünliberale Neo-Nationalrätin Judith Bellaïche überzeugt: «Der Nutzen der Digitalisierung für die Gesellschaft überwiegt. Daher wird sie ein Game-Changer sein in unseren Bestrebungen zur ökologischen Wende», schreibt sie in ihrem Kommentar.

Christine D'Anna-Huber

Die Publizistin Christine D'Anna-Huber (cdh) ist Redaktionsleiterin des asut-Bulletins und Inhaberin des Textbüros cdh, Wissenschaft im Text.

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