asut-Bulletin
Digital unterwegs = nachhaltig mobil
Ausgabe
03/2022
Wie die Schweiz wieder «autonome Fahrt» aufnimmt

Von Martin Neubauer

 


Als die beiden autonomen PostAuto-Shuttles «Valère» und «Tourbillon» 2016 ihren Dienst auf den Sittener Strassen antraten war dies eine Weltpremiere: Erstmals wurden selbstfahrende Fahrzeug im regulären öffentlichen Verkehr eingesetzt. Das Aufsehen war gross und Journalisten und Experten aus der ganzen Welt wollten die Shuttles sehen: Vom koreanischen Fernsehsender über das schwedische Journalisten-Team bis hin zum deutschen Kinderkanal der das Shuttle mit Plüschtieren bewarf, um dessen Reaktivität zu testen. Die Shuttles waren an Veranstaltungen wie der Eröffnung des Gotthardbasistunnels in Biasca, der Cebit in Hannover oder der SmartSuisse. In der Folge starteten auch andere Schweizer Unternehmen Projekte und Pilotversuche mit selbstfahrenden Fahrzeugen und die Schweiz hatte sich ihre Pionierstellung im Bereich der autonomen Mobilität gesichert.

Der Blick nach Deutschland

Gerade unser nördlicher Nachbar hat in den vergangenen Jahren im Bereich des autonomen Fahrens Gas gegeben: Im April 2022 hat die Deutsche Bahn eine neue Partnerschaft mit dem Intel-Unternehmen Mobileye bekanntgegeben. Die beiden Unternehmen wollen autonome Fahrzeuge in den öffentlichen Personennahverkehr integrieren, um den Nahverkehr in Deutschland flächendeckend zu stärken und den Menschen ein attraktiveres Mobilitätsangebot anzubieten. Dabei sollen die Fahrzeuge mit der Level-4-Lösung Mobileye Drive ausgestattet werden, wodurch sich diese komplett selbstständig im Strassenverkehr bewegen könnten. Dabei handelt es sich um die zweithöchste Automatisierungsstufe, bei der die Führung des Fahrzeugs dauerhaft vom System übernommen wird und ein Fahrer erst zur Übernahme der Führung aufgefordert wird, wenn die Fahraufgaben vom System nicht mehr bewältigt werden können. Bereits 2023 sollen die ersten Pilotprojekte im deutschen Strassennetz gestartet werden.

Unser nördlicher Nachbar hat gute Gründe, diese Entwicklung voranzutreiben: Der Verkehr mit automatisierten Fahrzeugen kann besser gesteuert werden und wird dadurch flüssiger. Dies führt zu Kapazitätsgewinnen auf der Strasse und auch zu einer effizienteren Nutzung von Parkraum. Ausserdem haben autonome Fahrzeuge auch einen inklusiven Charakter: Sie stehen auch Personen ohne Fahrausweis offen, womit sich die Mobilitätsmöglichkeiten für die ganz jungen und alten Bevölkerungsgruppen und für Personen mit körperlicher Einschränkung deutlich verbessern könnten. Zudem können Verkehrsunfälle stark reduziert und Fahrdienste zu niedrigeren Betriebskosten angeboten werden. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Nutzung von automatisierten Fahrzeugen zu besser zugänglichen, grüneren, integrativeren und sichereren Städten, Vorstädten und ländlichen Gebieten führen können.

Nicht ausser Acht zu lassen sind dabei aber eine Vielzahl an Herausforderungen, die bei der Integration von automatisierten Fahrzeugen in den gegenwärtigen Mobilitätssystemen berücksichtigt werden müssen: Wie erleben und akzeptieren die Menschen ein autonomes Fahrzeug? Vertrauen sie darauf, dass es stoppt, wenn sie den Fussgängerstreifen überqueren wollen? Wie stellen wir sicher, dass die automatisierten Fahrzeuge nicht gehackt werden können? Wie steht es um die Gesetze und Regulatorien?

Et la Suisse?

Genau bei diesen Fragen setzt die Schweiz nun an und versucht die richtigen Antworten im Verein Swiss Association for Autonomous Mobility (SAAM) zu finden. Der Verein ist ein Zusammenschluss aller bedeutenden Schweizer Akteure im Bereich der automatisierten Mobilität, darunter ÖV-, Automobil-, und Technologieunternehmen und Vereine, und diverse Hochschulen. Mit SAAM als Plattform können wir Projekte koordinieren, den Know-How-Transfer sicherstellen und uns auch für sinnvolle und zielführende Regulationen einsetzen. Wir sehen uns als wichtigstes Schweizer Kompetenzzentrum zu diesem Thema und wollen so sicherstellen, dass die Schweiz ein Pionierland für effiziente und autonome Mobilität bleibt. 

Die Rechtslage erschwert das autonome Fahren auf Schweizer Strassen aktuell noch: Zumal die verlässliche Schweizer Gesetzgebung fundamental wichtig für den Erfolg unseres Landes ist und viele Unternehmen dazu bewegt, sich hierzulande niederzulassen, hinkt sie in der Umsetzung oft dem «status quo» von Innovationen hinterher. Nichtsdestotrotz stehen die Zeichen so gut wie nie, dass hier in naher Zukunft ein wichtiger Schritt nach vorne gemacht wird: Die bevorstehende Revision der Strassenverkehrsgesetzgebung in der Schweiz hat sich dem Thema des automatisierten Fahrens angenommen und zeigt, dass auch der Schweizer Gesetzgeber die Zeichen der Zeit erkannt hat.

Nebst den regulatorischen Hürden gibt es aber auch umfangreiche technologische und soziale Herausforderungen und es wird daher noch etwas dauern, bis die ersten autonomen Fahrzeuge mit Automatisierungsgrad 4 auf den Schweizer Strassen verkehren werden. Die Schweizer Bevölkerung wurde durch die verschiedenen Pilotprojekte für die autonome Mobilität bereits sensibilisiert. Nichtsdestotrotz braucht es weitere Versuche, um notwendiges Knowhow aufzubauen. So wirkt der Verein beim europaweiten Forschungsprojekt «Ultimo» mit, dass den gross angelegten Einsatz von autonomen Shuttles stark beschleunigen will. Dies ist ein entscheidender Schritt, der den Übergang von der Erprobung zum Einsatz automatisierter Fahrzeuge in grossem Maßstab markiert. Ausserdem unterstützt der Verein weitere Schweizer Projekte im Bereich der automatisierten Mobilität, wie ein Projekt in Schaffhausen mit dem Swiss Transit Lab, LOXO im Bereich Gütertransport und Konzepte für autonome Busdepots im ganzen Land.

Wichtig ist, dass nun alle relevanten Akteure in der Schweiz gemeinsame Sache machen und zusammenspannen – sowohl private wie öffentliche. Nur so können wir die Weichen für die Zukunft des automatisierten Fahrens in unserem Land jetzt so stellen, damit wir unserem Ruf als internationaler Innovationsplatz gerecht werden.

Martin Neubauer

Martin Neubauer arbeitet bei PostAuto im Bereich Innovation ist der Geschäftsleiter der Swiss Association for Autonomous Mobility (SAAM).

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