asut-Bulletin
Resilienz
Ausgabe
03/2023
...eine widerstandsfähige Energieversorgung

Von Daniela Decurtins, Verband der Schweizerischen Gasindustrie

Die Verfügbarkeit von Energie ist die Grundlage unseres Wohlstands und unserer Volkswirtschaft. Eine Gesellschaft kann innert weniger Tage am Abgrund stehen, wenn kein Strom oder Gas mehr fliesst. Eine resiliente Energieversorgung ist zentral, aber gefährdeter denn je.

Mit dem Umbau der Energieversorgung hin zu Netto-Null, etwa dem Zubau von neuen erneuerbaren Energien, stellt sich die Schweiz einer anspruchsvollen Herausforderung. Mit den damit verbundenen Massnahmen wird das System komplexer, zentrale Strukturen werden durch dezentrale abgelöst. Dabei haben bereits der letzte Winter und der Krieg in der Ukraine gezeigt, dass eine sichere Energieversorgung keine Selbstverständlichkeit ist. Die Widerstandsfähigkeit des Systems hängt von verschiedenen Faktoren ab. Aus den Krisen der vergangenen Jahre lassen sich einige Lehren ziehen.

  • Die Transformation der Energieversorgung sowie deren Dezentralisierung, insbesondere beim Strom, funktioniert nicht ohne Digitalisierung. Nur so lassen sich die vielen dezentralen Ressourcen überwachen, steuern und effizient einbinden. Monitoring- und Steuerungssysteme, der Einsatz intelligenter Messsysteme wie Smart Meter sowie die Nutzung von Flexibilität durch Internet-of-Things-Technologien führen zu einer immer stärkeren Verschmelzung der IT und der operationellen Technologie. Dies hat zunächst vor allem viele Vorteile, denn all diese Systeme erhöhen die Resilienz der kritischen Infrastrukturen. Störungen können so frühzeitig erkannt und Gegenmassnahmen eingeleitet werden. Die Systeme bieten – und das ist die Kehrseite der Medaille – auch neue, bisher nicht dagewesene Angriffsflächen, eben Cyberrisiken. Daher ist wichtig, dass die Energieversorger die Informations- und Kommunikationstechnologie als integralen Bestandteil des Energieversorgungssystems begreifen. Es gilt, die Infrastruktur durch organisatorische, personelle und technische Massnahmen gegenüber Attacken robuster zu machen. Die Energieunternehmen sind gefordert. Gerade bei den Kleineren unter ihnen sind die Herausforderungen gross, den Anforderungskatalog an IT-Sicherheitsmassnahmen zu entwickeln und auch umzusetzen.
     
  • Ein weiterer kritischer Faktor ist das Vorhandensein von genügend Fachpersonal. Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, dass beispielsweise Ausfälle von Fachpersonen mit spezifischen Kompetenzen die Energieversorgung akut gefährden können. Mit organisatorischen Mitteln und strikten Zutrittsbeschränkungen musste der Betrieb in den Versorgungsunternehmen sichergestellt werden. Die Energiewirtschaft ist aktuell auch vom Fachkräftemangel betroffen. 
     
  • Der Krieg in der Ukraine machte schliesslich mit aller Deutlichkeit klar, dass Abhängigkeiten in der Energieversorgung von heute auf morgen eine Krise auslösen können. Das schlug sich in den Energiepreisen nieder, die ungeahnte Höhen erklommen haben, und in der Unsicherheit, welche Engpässe eintreten könnten. 
     

Die Revolution des Gasmarkts 

Im Empa-Podcast (Episode 35) unterhält sich Peter Richner, stv. Direktor der Empa, mit Daniela Decurtins zu den aktuellen Themen der Gaswirtschaft.

nest.empa.ch/podcast


Alte Abhängigkeiten nicht durch neue ersetzen

Um das Energiesystem resilienter zu gestalten, müssen wir grundsätzlich auf alle möglichen Situationen vorbereitet sein. Auch auf solche, die schwer vorauszusehen sind wie Corona oder der Ukrainekrieg. Es gilt, frühzeitig mit Szenarien zu arbeiten, sodass Handlungsoptionen verfügbar sind und Massnahmen rasch getroffen werden können. Das Thema Versorgungssicherheit wurde in der Öffentlichkeit zu lange zu stiefmütterlich behandelt. Inzwischen ist das Thema weit oben auf der Prioritätenliste angekommen, und zwar beim Bund genau so wie in der Politik, der Wirtschaft und speziell bei den Energieversorgern.

Bei der Transformation zu einer klimaneutralen Energieversorgung kommt es entsprechend darauf an, die alten Abhängigkeiten nicht durch neue zu ersetzen. Eine widerstandsfähige Energieversorgung stützt sich auf verschiedenen Energieträgern und Infrastrukturen ab. Diese These, so banal sie klingt, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Fokus ist in der Politik nach wie vor allzu einseitig auf den Strom ausgerichtet: Er soll es im Wärmebereich, in der Mobilität und auch der Industrie weitgehend richten. Damit die Transformation gelingt und auch bezahlbar ist, wird es alle erneuerbaren Energieträger brauchen, also neben Elektronen etwa auch Moleküle.
 
Wir müssen die Energieversorgung als Gesamtsystem begreifen und entwickeln, sowohl unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit als auch unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit, wenn wir als Wirtschaftsstandort Schweiz konkurrenzfähig bleiben wollen. Es stellen sich zentrale Fragen, etwa wie der im Sommer produzierte Photovolaik-Strom gespeichert und im Winter genutzt werden kann. Die Lösung liegt in der Sektorkopplung, also der intelligenten Verknüpfung von Strom, Wärme und Verkehr. Auf diese Weise können die erneuerbaren Energien in die Energiesysteme integriert und der CO2-Ausstoss gesenkt werden. Die Technologien, die Netze zusammenwachsen zu lassen, sind bereits vorhanden, und es steht eine breite Palette zur Verfügung: Wärme-Kraft-Kopplung (WKK), Power-to-Gas, Power-to-Heat, Power-to-Liquid. Wir müssen diese Technologien und Infrastrukturen nutzen, nicht nur um unsere Klimaziele zu erreichen, sondern auch, um die Resilienz der Energieversorgung zu stärken.


 

Daniela Decurtins

Daniela Decurtins ist seit 2012 Direktorin des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie.
 

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