asut-Bulletin
Digital Literacy
Ausgabe
08/2016
Lehre 4.0

 

Mit der fortschreitenden Digitalisierung verändert sich auch die Arbeitswelt. Wo früher Telefon und Fax den Arbeitsalltag erleichterten, sind es heute internetbasierte Instant-Messaging-Dienste und Kollaborationsplattformen, welche die Kommunikation und Zusammenarbeit vereinfachen und neue, flexible Arbeitsformen unterstützen. Work anywhere, anytime, with anyone ist dank diesen neuen Technologien Realität geworden. Das klassische Büro hat ausgedient und wird immer mehr ein Ort der Kommunikation und Kooperation für eine steigende Anzahl Mitarbeitender, die projektbasiert oder als Freelancer tätig sind. Das fördert die Innovation und bringt den Unternehmen mehr Flexibilität – zwei Attribute, die in der schnelllebigen, von Technologie getriebenen Branche überlebenswichtig sind. Gleichzeitig wächst eine neue Generation heran, die sich sehr selbstbewusst in dieser neuen Welt bewegt, Social Media so selbstverständlich wie die Zahnbürste nutzt und Selbstverwirklichung sowie Autonomie höher gewichtet als traditionelle Karrierewege. Viele dieser sogenannten Digital Natives betreten die Berufswelt als Lernende. Unternehmen sind deshalb gefordert, ihre Berufsbildung an die neuen Realitäten des digitalen Zeitalters anzupassen und die Lernenden für die berufliche Zukunft in einer sogenannten VUCA-Welt zu wappnen, also einer Welt, die zunehmend von Volatilität (Volatility), Unsicherheit (Uncertainty), Komplexität (Complexity) und Vieldeutigkeit (Ambiguity) geprägt ist.

Ein Unternehmen, das sein Ausbildungsmodell erfolgreich transformiert hat, ist Swisscom. Als grösste ICT-Ausbildnerin der Schweiz setzt sie auf flexible und zukunftsorientierte Lehrgänge, welche die Projekt- und Teamarbeit fördern und den Lernenden viel Autonomie in der Ausgestaltung ihrer Ausbildung geben. Ein Augenschein bei Marc Marthaler, Head of Next Generation bei Swisscom.

 

Marc Marthaler, Swisscom


Wie hat sich die Berufsausbildung in den letzten Jahren konkret bei Swisscom verändert?

Marc Marthaler: Angesichts der raschen Transformation der gesamten ICT-Branche haben wir unser Ausbildungsmodell schon früh komplett überarbeitet. Statt starre Lehrpläne prägen heute individuell gestaltbare Ausbildungsmodule die Lehre bei Swisscom. Unsere Lernenden suchen und bewerben sich auf einem Online-Marktplatz selbständig um mehrwöchige bis sechsmonatige Projekteinsätze, die von den Geschäftsbereichen ausgeschrieben werden und einem echten Business Need entsprechen. Dies hat den Vorteil, dass die Lernenden in realen Projekten am Puls der Zeit eingesetzt werden und so generationen- und funktionenübergreifendes, projektbasiertes Arbeiten von der Pike auf lernen. Sie arbeiten in der ganzen Schweiz an verschiedenen Swisscom Standorten, in unterschiedlichen Bereichen, bei Kunden oder von unterwegs. Nach Abschluss der Lehre sind sie Experten für flexibles und mobiles Arbeiten und kennen die Anforderungen eines Arbeitsumfeldes, das sich sehr rasch verändert.

Da die Lernenden selbst entscheiden, auf welche Projekte sie sich im Rahmen ihrer Ausbildung bewerben möchten, bauen sie ein Skills-Portfolio auf, das ihren Interessen und Stärken entspricht. Zudem entwickeln sie wichtige Kompetenzen wie Problemlösefähigkeiten, Kreativität und Selbstpräsentation, was sie optimal für die Jobsuche nach Abschluss der Lehre vorbereitet.

Lernende arbeiten also in Projekten direkt mit berufserfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Mit Erfolg?

Die Zusammenarbeit klappt sehr gut. Bei Swisscom pflegen wir eine partnerschaftliche und vertrauensbasierte Kultur und begegnen allen unseren Mitarbeitenden – von den Lernenden bis zu den Berufserfahrenen – auf Augenhöhe. Wir sind der Ansicht, dass es gerade die unterschiedlichen Perspektiven sind, welche für starke Resultate und Innovation sorgen. Deshalb achten wir bei Projekten grundsätzlich darauf, Menschen aus unterschiedlichen Generationen zusammenzubringen. Lernende übernehmen hier – wie ihre älteren Kolleginnen und Kollegen – klare Aufgaben und tragen Verantwortung. Sie bringen als Digital Natives und zukünftige Fachkräfte, die mit den sozialen Medien aufgewachsen sind, Perspektiven, Fragestellungen, Herangehensweisen und Lösungswege ein, die für uns sehr wertvoll sind.

Wo sehen Sie den grössten Hebel für eine erfolgreiche «Digitalisierung der Berufslehre»?

Ich bin überzeugt, dass eine zukunftsorientierte Ausrichtung der Berufslehre nicht ohne einen Kulturwandel im Unternehmen möglich ist.  Es braucht meines Erachtens eine Unternehmenskultur, die von Offenheit und Neugier gegenüber Neuem geprägt ist, Rahmenbedingungen, welche dies fördern sowie Mitarbeitende, die sich in diesem Umfeld wohl fühlen und eine Leidenschaft für neue Technologien mitbringen. So achten wir bei Swisscom bereits bei der Rekrutierung auf die digitale Affinität, einen offenen Mindset und den «cultural Fit» insgesamt – bei Berufserfahrenen ebenso wie bei Lernenden – und fördern dies durch konkrete Projekte wie die ICT-WG, wo Lernende zusammen in einer Wohnung leben und gemeinsam an neuen ICT-Ideen tüfteln, oder die Kickbox, welche Mitarbeitenden die Möglichkeit gibt, eigene Projekte zu pitchen und mit Unterstützung von Swisscom umzusetzen.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie schaut die Lehre 2025 aus?

Die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung unsere Welt verändert, macht es fast unmöglich, zuverlässige Prognosen zu formulieren. Neue Berufsbilder werden entstehen, bestehende Berufe sich verändern oder ganz verschwinden. Sicher ist, dass wir unser Modell laufend überprüfen und wo nötig anpassen. So stellen wir sicher, dass die Ausbildung den Bedürfnissen aller Beteiligten – also der Wirtschaft und Gesellschaft, Swisscom und den Lernenden selbst –  entspricht. Die persönliche Flexibilität, ausgeprägte methodische und soziale Skills und die Fähigkeit, sich rasch in neue Aufgaben, Rollen und Technologien einzuarbeiten, werden künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Die Swisscom-ICT-WG
Ingrid DohmeSwisscom

Senior Communicator und stellvertretende Leiterin HR-Kommunikation bei Swisscom.

 

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